Zwanzig Operationen in sechs Tagen

Februar 2013

Neurochirurgie-Team

Reisebericht des Neurochirurgie-Teams nach Asmara

Die Anreise

Am 8. Februar was es mal wieder soweit, seit 2005 fliegen wir jetzt zum zwölften Mal nach Asmara. Leider müssen wir unsere Einsätze ja immer so planen, dass es keine Überschneidungen mit anderen chirurgischen Teams gibt, wir würden natürlich gerne auch mal andere ARCHEMED-Mitglieder kennen lernen. Wir, das sind Barbara Lüdtke (Anaesthesieschwester), Elisabeth Poenitz-Pohl (Anaesthesistin), Siji Mulamoottil (Operationsassistent) und Dieter Hellwig (Neurochirurg). Ariane Harbor (Anaesthesieschwester) blieb diesmal turnusgemäß zu Hause. Schmerzlich vermissen wir Klaus Junk, der von Anfang an den neurochirurgischen Operationssaal mit aufgebaut hat und den Orthopäden Peter Griss, der uns damals mit den Gegebenheiten in Asmara und im IOCCA vertraut gemacht hat. Beide sind leider im letzten Jahr viel zu früh verstorben. Wir haben Peter mit einem Portrait im IOCCA geehrt.

Mit 46 Kilogramm Gepäck ging es wie immer in Frankfurt los. Dieses bestand in erster Linie aus Op.-Material und Textilien, die wir vor Ort verschenkten. Wir müssen betonen, dass wir insgesamt doch ein recht „preisgünstiges“ Team sind. Um die 10.000 Euro kostet unser Einsatz, eingeschlossen sind hierbei die teuren Shunts. Diesmal hatten wir 12 à 500,- Euro dabei, zwei wurden uns von der Fa. Codman kostenlos überlassen. Beim nächsten Einsatz werden wir dann auch wieder die finanzielle Unterstützung der von Dieter gegründeten Stiftung „Hilfe für hydrocephaluskranke Kinder“ in Anspruch nehmen können, sodass die finanzielle Belastung für ARCHEMED geringer wird.

Wir waren natürlich gespannt auf die Veränderungen, die sich im abgelaufenen Jahr in Asmara ereignet hatten. Insbesondere auch auf die politische Lage nach den Geschehnissen der letzten Wochen. Angekommen in Asmara wurden wir mit Bussen vom Rollfeld bis zum Flughafenhauptgebäude transportiert (Neuerung) und auch die Abfertigung an den Schaltern verlief relativ zügig (erstaunlich). Für Siji ist die Ein- und Ausreise wegen seiner dunklen Hautfarbe meist etwas schwieriger, da er immer wieder für einheimisch gehalten wird, andererseits aber die Landessprache nicht beherrscht.

Ankunft

Dr. Habteab hat uns wie immer persönlich durch die wenig beleuchteten Straßen in’s Embassoria Hotel gefahren (für die nächsten Teams – Taschenlampen nicht vergessen). Nach dem Einchecken in der Lobby zu einem Zibib mitgebrachte Hausmacher-Frikadellen essen, das ist Romantik pur.

Der medizinische Alltag

Am nächsten Morgen hat uns dann der medizinische Alltag in Eritrea wieder eingeholt. Ab 9.00 Uhr war für Elisabeth und Dieter „Screening“ (ein furchtbares Wort, eigentlich meinen wir Patientenvorstellung und -auswahl) angesagt, während Barbara und Siji die anstehenden Operationen logistisch vorbereiteten. Wir haben am ersten Tag 60 Kinder gesehen, insgesamt waren es dann über 80 kleine Patienten, darunter waren 30 Verlaufskontroll-Untersuchungen, 21 neue Hydrozephalus- und 36 MC (MMC) – Patienten. Leider konnten wir nur 19 Kinder operieren (10 Hydrozephali und 10 MC/MMC). Viele Eltern bestehen darauf, das Schicksal ihrer paraplegischen, inkontinenten, durch einen hypoxischen Hirnschaden psychomotorisch retardierten, apallischen Kinder in Ermangelung anderer Möglichkeiten in unsere Hände zu legen. Diese Kinder sind nicht nur krank, sie sind nicht vorzeigbar, ein Stigma, für einige eine Strafe Gottes. Im Grunde genommen sind sie unerwünscht. Wir können die Problematik aber in der Mehrzahl der Fälle nicht chirurgisch lösen, teilen dies auch schweren Herzens mit. 

Das leidige Folsäurethema

Kurz nachdem wir wieder in Deutschland waren, haben wir ja bereits mit ARCHEMED das immer wiederkehrende Problem der Folsäureprophylaxe angesprochen. Dieser Einsatz hat visuell alles das, das wir zuvor gesehen haben, überschritten. Bei einigen Kindern waren wir von der Physiognomie erschüttert. Wir sollten uns wirklich alle zusammensetzen und überlegen, was wir tun können. Es reichen ja nur ein paar Gramm Folsäure und Vitamine aus, um dieses Elend zu vermeiden. Das heißt, es muss eine umfangreiches Aufklärungsprogramm initiiert werden.

Der Sudan

Erstaunt waren wir über die Bitte von Eltern, in der Krankenakte zu vermerken, dass eine Behandlung im Ausland möglich sei. Später haben wir dann erfahren, dass für einige wenige, die es sich leisten können, der Aufenthalt zur Diagnostik und Therapie im Sudan möglich ist. Dort ist das Gesundheitssystem mittlerweile privatisiert und es bestehen gute medizinische Voraussetzungen.

Was tun ohne bildgebende Diagnostik ?

Natürlich müssen wir auch jetzt wieder anmerken, dass Computertomogramme und Kernspintomogramme in Asmara nachwievor wegen der fehlenden Funktionsfähigkeit der Geräte nicht verfügbar sind, was für uns Neurochirurgen eigentlich ein „No-Go“ ist. Neurologisch/neurochirurgische Erkrankungen, die über eine Blickdiagnose hinausgehen, können nicht festgestellt und folglich auch nicht fachgemäß behandelt werden. Digitalisierte radiologische Bilder gibt es also nicht, was den Aufbau einer Teleradiologie momentan eher unrealistisch erscheinen lässt.

Besonders betroffen gemacht hat uns das Schicksal eines zweijährigen Mädchens mit unklaren Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas. Der behandelnde Arzt der pädiatrischen Intensivstation hatte uns zum Konsil gebeten. Wir fanden ein komatöses Kind vor, das über CPAP atmete. Die rechte Pupille war ein wenig entrundet. Die Frage war Epiduralhämatom, Subduralhämatom, intrazerebrale Blutung, Hirnödem rechts oder links? Die Kollegen hatten bereits mit der antiödematösen Therapie begonnen. Explorative Kraniotomien sind heutzutage obsolet. Zwei Tage später gingen wir unaufgefordert zum Re-Konsil, das Bett war leer. Zumindest mit einer CT-Diagnostik hätte das Kind eine Chance zum Überleben gehabt.

Neurochirurgische Versorgung – Afrika 100

Bei unseren Operationen hat uns ein neuer junger Kollege Dr. Abdul Rezah unterstützt. Ein geschickter Allgemeinchirurg im dritten Ausbildungsjahr. Er überlegt sich, ob er sich zum Neurochirurgen ausbilden lässt. Und hier müssen wir ein weiteres Problem ansprechen, das uns sehr nachdenklich macht. In Eritrea, einem Land mit circa 4.5 Millionen Einwohner gibt es einen einzigen chinesischen Neurochirurgen, der hin und wieder erwachsene Patienten operiert. Nach unseren Erhebungen entspricht diese Zahl der Situation in ganz Afrika.

Auf der Basis der Daten startet die Weltgesellschaft für Neurochirurgie ein Ausbildungsprogramm für afrikanische Ärzte, die sich zum Neurochirurgen ausbilden lassen wollen. Der Name des Programmes lautet „Afrika 100“, also 100 Neurochirurgen für Afrika. Federführend ist hier der ehemalige Weltpräsident der WFNS, Prof. Dr. Madjid Samii vom International Neuroscience Institute in Hannover. Die Ausbildung soll in ausgesuchten afrikanischen Ländern erfolgen und von „Paten“ finanziell unterstützt werden. Sie soll wie in europäischen Ländern 6 Jahre dauern. Und das ist der Knackpunkt, welcher Neurochirurg kehrt nach sechs Jahren wieder in sein verarmtes Heimatland zurück? Dr. Abdul wird wohl keine Chance bekommen, sich qualifiziert im Ausland zum Neurochirurgen ausbilden zu lassen. Dr Habteab steht auf dem Standpunkt, ein halbes Jahr im eigenen Land könnte genügen. Aber hier stellt sich die Frage, welcher Neurochirurg bereit ist, für längere Zeit nach Eritrea zu gehen, um dort Schüler auszubilden. Wir drehen uns also im Kreise.

Fazit

Dennoch sind wir weiterhin optimistisch, jedes Kind, das wir retten können, zählt, unabhängig von den medizinischen, sozialen und politischen Zuständen, die in Eritrea herrschen und kaum spürbar Veränderungen erfahren. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Die Woche ging wieder viel zu schnell vorbei, am Freitagnachmittag kurz vor dem Abflug noch Gewürze und Souvenirs auf dem Markt gekauft und abends um 24 Uhr ging es zurück in’s kalte Deutschland.

Auf den nächsten Einsatz freuen wir uns schon!

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